Deutscher Gewerkschaftsbund

10.02.2015

„Wenn man seinem Arbeitgeber mitteilt, dass man mit den Bedingungen zufrieden ist, dann verbessert sich an den Bedingungen nichts“

Christian Krähling arbeitet seit 2009 bei Amazon in Bad Hersfeld und war dort einer der ersten engagierten GewerkschafterInnen. Inzwischen sind sehr viele ver.di-Mitglieder dazu gekommen. Die Belegschaft von Amazon hat mehrfach an vielen Standorten gestreikt. Christian Krähling ist einer der beiden Vertrauensleutesprecher und berichtet aus fünf Jahren Gewerkschaftsarbeit in einem gewerkschaftsfeindlichen Betrieb. 

Am Anfang waren wir 15 aktive, die sich regelmäßig getroffen haben um über die Probleme im Betrieb zu besprechen. Diese haben wir dann auch in der betrieblichen Öffentlichkeit angesprochen und darüber sehr viel Zuspruch und Zulauf erfahren. Dadurch hatten wir ein sehr starkes Mitgliederwachstum für ver.di und der Druck der Mitglieder, dass sich bei AMAZON etwas verändern muss wurde immer stärker. Alle waren sich einig, dass die bestehenden Ungerechtigkeiten abgeändert werden müssen.

Mit welchen Ungerechtigkeiten hattet ihr es bei AMAZON zu tun?

Wir hatten 5 Jahre lang keine Lohnerhöhung. Dazu herrschte ein hoher Leistungsdruck und der Anteil an befristeten Arbeitsverhältnissen betrug 8o Prozent. Aber die größte Ungerechtigkeit besteht darin, dass Amazon keinen Tariflohn zahlt, sondern wir nach Gutsherrenart unter Bedingungen arbeiten, die gegen das Grundgesetz verstoßen. Unsere Kolleginnen und Kollegen sind quasi mit gesenktem Haupt durch die Gänge gelaufen. Der Teamgeist, den aktuell viele ver.di-Gegner lautstark vermissen, hat früher hier nicht geherrscht. Es wusste damals niemand, wo das Betriebsratsbüro ist, auf Betriebsversammlungen wurde nicht eine Frage gestellt. Es gab überhaupt keine Diskussionen im Betrieb, es wurde das gemacht, was die Geschäftsleitung befohlen hat.

Was habt ihr unternommen?

Wir haben mit unserer Gewerkschaft ver.di eine Strategie entwickelt, wie wir den Arbeitskampf führen wollen. Ab 2012 sind wir dann in den Arbeitskampf getreten und haben Amazon aufgefordert Tarifverhandlungen aufzunehmen. Amazon weigert sich konsequent bis heute eine Tarifvertragsregelung mit ver.di abzuschließen.

Wer keine Erfolge sieht wird schnell entmutigt. Wie seid Ihr damit umgegangen?

Da uns Amazon in keiner Art und Weise entgegenkam, konnte es nur eine Antwort geben: „Streik“. Die Auseinandersetzungen wurden immer härter, mittlerweile haben wir 40 Streiktage durchgeführt. Der Arbeitgeber versucht die Belegschaft zu spalten, indem er Ängste um den Erhalt der Arbeitsplätze bzw. der Standorte schürt. Die Androhung von Gewalt steht ebenfalls auf der Tagesordnung wie die Zunahme von psychischen Druck und Mobbing. Davon lassen wir uns relativ wenig beeindrucken. Wir führen den Kampf mit unseren Kolleginnen und Kollegen in der Auseinandersetzung umso härter weiter bis zum Ende, bis ein Tarifvertrag steht.

Wenn du zurückblickst, kannst Du sagen, es war ein Erfolg?

Mittlerweile streiken wir am Standort Bad Hersfeld mit über 500 ArbeitnehmerInnen regelmäßig, deutschlandweit sind wir über 2500. Die Kolleginnen und Kollegen gehen sehr selbst bewusst zum Betriebsrat. Schriftliche Beschwerden sind an der Tagesordnung. Wir bekommen regelmäßige Lohnerhöhungen. Amazon hat ein Weihnachtsgeld eingeführt, was vorher völlig undenkbar war. Für diese Forderung wurden wir von der Geschäftsführung früher höhnisch belächelt. Dann haben wir gestreikt und es gab doch Weihnachtsgeld.

Ihr erfahrt viel Solidarität und ihr seid auch sehr gut vernetzt. Was sieht das aus?

Uns war früh klar, dass Amazon sehr flexibel ist und Auftragsvolumen sehr leicht zwischen den verschiedenen Standorten verschieben kann. Wir wussten, einzelne Aktionen an nur einem Standort werden nicht zum erwünschten Erfolg führen. Deswegen haben wir uns relativ früh auch an der Basis mit den Kolleginnen und Kollegen aus Leipzig vernetzt. Hier wurden wir natürlich durch die Sekretärinnen und Sekretäre von ver.di ganz stark unterstützt. Nach dieser Erfahrung wussten wir, die Vernetzung mit allen anderen Standorten ist unsere Stärke. Wir nehmen an den dortigen Betriebsversammlungen teil, unterstützen sie bei ihren Streiks. Das versuchen wir auch nicht nur auf Amazon zu beziehen. Sondern wir nehmen auch an Streiks anderer Branchen teil. Solidarität zu üben ist uns wichtig und keine Einbahnstraße. Ich selbst war mit Kolleginnen und Kollegen in Frankreich, wo auch bei Amazon gestreikt wurde. Kontakt zu den polnischen Amazon-Beschäftigten wird von den Leipziger Kolleginnen und Kollegen gepflegt. Aber auch hier versuchen wir direkten Kontakt aufzubauen. Also wie Du siehst, Stück für Stück werden unseren berechtigten Forderungen umgesetzt, wenn auch für uns nicht schnell genug. Ich denke wir haben die Kraft einer starken Gewerkschaft im Rücken, den Kampf bis zum Ende eines ordentlich unterschriebenen Tarifvertrages zu führen, der unsere Branche entspricht.


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